Warum investieren zwei Österreicher Millionen in das Skigebiet Saas Fee – NZZ 22.01.2019

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Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/zwei-maenner-im-schnee-ld.1453421

Sie besitzen in Österreich bereits mehrere Skigebiete, nun investieren Vater und Sohn Schröcksnadel Millionen in den Schweizer Tourismus – und vertrauen auf ihr Gefühl.

Manager fällen wahrscheinlich öfter Bauchentscheide, als sie das zugeben. Gar keine Mühe mit Beschlüssen dieser Art scheinen Vater und Sohn Schröcksnadel aus Österreich zu haben. «Uns sagt das Gefühl, was richtig ist», sagt Vater Peter Schröcksnadel, der nicht nur eine weitverzweigte Tourismus- und IT-Firma aufgebaut hat, sondern seit 1990 auch den Österreichischen Skiverband präsidiert. «Der Tourismus lebt von Emotionen, und wir sind keine Konzernmanager, die mit Excel-Tabellen hantieren.» Und so investieren Vater und Sohn Markus in Saas-Fee Millionen in eine Bergbahngesellschaft, die jüngst wiederholt mit grossen finanziellen Problemen gekämpft hat. Wenige Orte in den Alpen sind härter von der Tourismuskrise getroffen worden als das Walliser Bergdorf.

Zurückhaltende Schweizer

Schon einmal hatten die Schröcksnadels mit dem Gedanken gespielt, in Saas-Fee einzusteigen; immerhin besitzen sie in Österreich mehrere Skigebiete, und in der Schweiz sind sie Hauptaktionäre der Bahnen in Savognin. Alle Skigebiete seien im Plus, sagen sie. Das Geschäft in Saas-Fee kam dann aber nicht zustande. 2018 allerdings hatten sich die Finanzprobleme der Bergbahn erneut so zugespitzt, dass sie ohne Sanierung zugrunde gegangen wäre. Eine Restrukturierung war unausweichlich. Das Kapital der Bahn wurde herabgesetzt, gleichzeitig schossen die Österreicher 6 Mio. Fr. ein. Zusätzlich gewähren sie dem Unternehmen einen Kredit in gleicher Höhe.

Sommerskigebiet, Saas-Fee

Sommerskigebiet, Saas-Fee

Grafik: pm

An der Firma hält die Schröcksnadel-Gruppe nun 29,4%; sie wird in den kommenden zwei Jahren darüber hinaus ein Paket von 22,7% des New Yorker Investors Edmond Offermann übernehmen und dann die Mehrheit am Betrieb besitzen. Das ist den österreichischen Investoren wichtig. Bei ihren Geschäften strebten sie stets klare Eigentumsverhältnisse an, sagen sie.

Mit ihrem Einstieg in Saas-Fee sorgten die Schröcksnadels für eine Sensation, denn in der Schweiz gibt es kaum mehr Kapitalgeber, die in grossem Umfang in den alpinen Tourismus investieren. Nach langen Krisenjahren fehlt ihnen die Renditeperspektive. Es sind daher fast nur ausländische Geschäftsleute, die in den Bergen als Grossinvestoren in Erscheinung treten – neben den Schröcksnadels etwa der Ägypter Samih Sawiris in Andermatt. Schweizer hätten zwar Geld, aber keine Geduld, sagt dieser zum Investitionsverhalten einheimischer Anleger.

Der 77-jährige Peter Schröcksnadel präsidiert auch den Österreichischen Skiverband. (Bild: Johann Groder / AP / Keystone)

Ähnliches ist dem 77-jährigen Peter Schröcksnadel aufgefallen. Die Schweizer würden nicht mehr an das Wintersportgeschäft glauben, meint er. Saas-Fees wirtschaftliche Situation ist allerdings auch wenig ermutigend. Die jährlichen Ersteintritte ins Liftsystem sind in den vergangenen zehn Jahren um einen Drittel auf 330 000 gesunken, und der Ort bekundet Mühe, sich im hart umkämpften Tourismusmarkt zu positionieren. Von seiner Tradition her ist er ein Bergsteiger- und Skifahrerdorf. Andere Aktivitäten können die Gäste im landschaftlich spektakulären, aber engen Talkessel kaum ausüben. Doch auch das sieht Peter Schröcksnadel nicht als Schwäche. Der Ort strahle Geschichte aus, wie sonst nur wenige Dörfer in den Alpen.

Zwei Antizykliker

Es ist schwierig, aus den Schröcksnadels schlau zu werden. Der Vater redet gern und viel, der Sohn ist eher der schweigsame Bergler, ein wenig hemdsärmlig sind sie beide. Zwar betonen sie im Gespräch mehrmals, dass sie für Saas-Fee keinen Masterplan besässen. Doch wer investiert schon Millionen, und lässt sich dabei nur vom Gefühl leiten?

Zumindest Andeutungen der beiden lassen erahnen, dass es ihnen eine gewisse Freude bereitet, als antizyklisch handelnde Geschäftsleute aufzutreten. Sie investieren in eine Branche, die in Finanzkreisen momentan einen denkbar schlechten Ruf hat und mit der es eigentlich nur aufwärtsgehen kann. Vater und Sohn Schröcksnadel sehen die Zukunft des Schweizer Bergtourismus denn auch nicht so düster wie viele hiesige Branchenbeobachter. «Den Schweizern fehlt das Selbstvertrauen», sagt Markus Schröcksnadel. Dabei sei das Land im Vergleich mit anderen Destinationen in den Alpen gar nicht mehr so teuer, wie das immer noch viele glaubten. «Gäste aus den Euro-Ländern werden zurückkehren», ist er überzeugt.

Markus Schröcksnadel Geschäftsführer der Firmal Feratel. (Bild: PD)

Langfristig gesehen, könnte Saas-Fee aus ihrer Sicht ohnehin zu den Gewinnern zählen: Der Ort und das Skigebiet liegen so hoch in den Bergen, dass dort das Skifahren auch noch möglich sein wird, wenn der von Klimaforschern prognostizierte Temperaturanstieg stattfinden sollte. Auch befindet sich in Saas-Fee eines der letzten Sommerskigebiete in Europa.

Schuldzuweisungen

Um Geschäfte zu tätigen, ist das Dorf allerdings ein schwieriges Pflaster. Die Krise der vergangenen Jahre hat im Ort Spuren hinterlassen. Augenfällig ist beispielsweise, dass viele Hotels und Restaurants in der jüngeren Vergangenheit zu wenig Geld verdient haben, um ihre Betriebe in Schuss zu halten. Teilweise machen sie einen verstaubten Eindruck, und die Diskrepanz zu Zermatt, der reichen «Schwester» von Saas-Fee, könnte kaum grösser sein.

Etwas getrübt scheint auch die Stimmung zu sein. Er hätte sich gewünscht, dass im Ort die Schuld und die Verantwortung nicht laufend auf einzelne Personen abgeschoben würden, sagt Pascal Schär, der bis vor kurzem das Amt des Tourismusdirektors innehatte. «Der Umgang war nicht immer einfach.»

Die Unzufriedenheit ist in einem Restaurant mit Händen zu greifen, in dem sich der Koch und zwei Einheimische zu einem Feierabendbier zusammengefunden haben. Der Grossinvestor Offermann habe nichts vom Geschäft verstanden, heisst es dort. Doch wo stünde der Ort, wenn der New Yorker Millionär nicht in Hotels und Bahnen investiert hätte? Lokale Kapitalgeber gibt es in der finanzschwachen Gemeinde keine.

Auch am ehemaligen Bergbahndirektor Rainer Flaig lässt die Runde kein gutes Haar. Auf Kritik stösst besonders die von ihm verfolgte Preispolitik. Vor zweieinhalb Jahren lancierte die Bergbahngesellschaft den vielbeachteten Hammer-Deal: In der Vorsaison hatten Skifahrer die Chance, eine Saisonkarte für bloss 222 Fr. zu erwerben. Voraussetzung war allerdings, dass 100 000 Käufer an der Aktion teilnahmen. Die Aktion erregte viel Aufmerksamkeit, entwickelte sich dann aber nicht wie erhofft. Die Nachfrage nach der Karte sank von Saison zu Saison; offenbar hat es Saas-Fee nicht geschafft, Touristen an sich zu binden. Die Promotoren der Aktion müssen deswegen von allen Seiten Kritik einstecken. Doch was wäre passiert, wenn die Bahngesellschaft nicht etwas Neues ausprobiert hätte? Niemand weiss, ob sie dann in nicht noch viel grössere Schwierigkeiten geraten wäre. Und so bleibt auch die Kritik der abendlichen Bierrunde an Flaig eher diffus, was wiederum das Unbehagen des ehemaligen Tourismusdirektors zu bestätigen scheint.

Keine reichen Onkel

Und das erklärt wahrscheinlich auch das ruhige Auftreten der Schröcksnadels. «Wir wollen zuerst ein Gefühl für den Ort entwickeln», sagt Peter Schröcksnadel. Ein paar betriebswirtschaftliche Grundsätze lassen sie sich dann doch noch entlocken. Man investiere nur dort, wo auch etwas zurückkomme. Als Branchenkennern ist ihnen nämlich eine fatale Entwicklung im Bergbahnsektor bewusst: Viele der Betriebe sind früher von Technikern geführt worden, und diese konnten oft der Versuchung nicht widerstehen, stets in das neueste Material zu investieren. Umso drückender sind nun in schwierigen Zeiten die Abschreibungen. In der Branche bestehe die ständige Gefahr von Überinvestitionen, sagt Peter Schröcksnadel. Als reiche Onkel, die einem armen Bergdorf zu Hilfe eilen, sehen sich die beiden Geschäftsleute offenbar keinesfalls.

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